Offener Brief an Ines Pohl, Chefredakteurin der ‚taz‘

Sehr geehrte Frau Pohl,

Ihr Redakteur Christian Füller hat uns – Betroffene sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule – als einer der wenigen Wissenden (von vielen möglichen Wissenden) energisch, empathisch, und mit dem endlich absolut notwendigen, dringend angezeigten Furor, seit Jahren unterstützt.

Sein Wissen um die päderastischen Vorgänge auch in der Partei der Grünen in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts wie um die äusserst beschwerlichen Umgänge damit seitens der Partei „Bündnis 90 / Die Grünen“ in der Gegenwart hat überhaupt erst dazu geführt, dass jetzt endlich Aufklärung organisiert, bezahlt und betrieben wird. Das allein ist Ihrem Redakteur Christian Füller zu verdanken.

‚cif‘ benannte früh schon Daniel Cohn-Bendit als den, der er früher war: ein Promotor päderastischer Übergriffe. Wie und warum nur wollen Sie dies bestreiten? Und warum fundierte Berichte dazu auch in Ihrem Blatt jetzt nicht mehr zulassen? Betreiben Sie eine Grünwetterdiktatur? Dann vielen Dank dafür. Daniel Cohn-Bendit hielt es bis zum heutigen Tag für überflüssig, unnötig, sich auch nur mittels einer kleinen Äusserung mit den vielen Opfern der Päderasten an der Odenwaldschule solidarisch zu zeigen. Auf ein entsprechendes Anschreiben unsererseits hat er – wie viele andere angeschriebene Politiker jeglicher Couleur – nicht reagiert. Wir kennen das also. Umso wichtiger war und ist für uns die mediale Unterstützung seitens Christian Füllers.

Ebenso sind die Stimmen der Opfer, die seit 2010 allein in der taz durch insgesamt 73 Namens-Texte zu sexualisierter Gewalt in allen gesellschaftlichen Bereichen wahrgenommen werden konnten, diesem, Ihrem Redakteur zu verdanken.

So wie Sie agieren, (vermutlich um der Partei „Bündnis 90 /Die Grünen“ im Wahlkampf möglichst nicht zu schaden), ist das ein Affront – gegen die Opfer, gegen die Freiheit der Berichterstattung, gegen das Berufsethos von Journalisten. Dass Christian Füller bei Ihnen keinen echten Rückhalt findet, sollte für Ihr Blatt beschämend sein.

Sie können nicht ermessen, wie wichtig die öffentliche Unterstützung durch Christian Füller für uns war, ist und bleibt. Wir wissen, dass er sich damit nicht nur Freunde macht. Christian Füller schrieb erstmals von Opfern UND Tätern! Wohl auch zum ersten mal über Täter in der Partei der Grünen. Ja! Unstrittig gibt es auch da Täter und Beschöniger, Mitwisser, Apologeten und Prolongeten. Und nicht zu wenige davon. Für unsere Begriffe: zu viele! Ihr fehlendes Verständnis wirft auch ein fahles Licht auf die Partei, der Sie nahe zu stehen scheinen. „Macht und Feigheit sind ein übles Paar“ schrieb die FAS am 25. August dieses Jahres. Damit waren Sie, sehr geehrte Frau Pohl gemeint. Nicht Christian Füller, dem weder Feigheit noch Machtgelüste nachgesagt werden dürften. ‚cif‘ geht es um Aufklärung und um die Opfer der Perversionen der Grünen aus deren Gründungstagen. Perversionsgelüste – die Sie, Frau Pohl, bestreiten und leugnen, obwohl sie nachweisbar und offensichtlich sind. Cem Özdemir und andere führende Grüne wissen um diese Umstände. Sie, Frau Pohl, wissen davon offenbar immer noch nicht. Das bestürzt uns.

Also nehmen wir einigermaßen fassungslos zur Kenntnis, dass sich die Spitze der taz und grössere Teile der Redaktion heute im Vorwahlgeplänkel offenbar nur allzu gerne bereit finden, Opferinteressen und die rückhaltlose Offenlegung von Perversitäten der vermeintlich angezeigten politischen Opportunität nachzuordnen. So erweist sich, dass die taz unter Ihrer redaktionellen Führung bestens im deutschen Presseestablishment angelangt ist. Schade eigentlich.

Es ist deshalb an der Zeit, Ihnen zu sagen, dass wir, wie übrigens sehr viele andere Menschen, sehr entschieden hinter Christian Füller und seiner journalistischen Arbeit stehen. Ihm sind wir für seine mutige, unerbittliche, opferorientierte, humane Arbeit zu grossem Dank verpflichtet. Ohne ihn stünde die Aufklärung des institutionellen Missbrauchs u.a. an der Odenwaldschule nicht dort, wo wir sie jetzt glücklicherweise finden. (Von Glück kann in unserem Zusammenhang ganz eigentlich leider nicht die Rede sein. Glücklich wären wir aber schon eher, verstünden Leute wie Sie mehr von unseren Belangen, und: zeigten Leute wie Sie endlich Respekt und – Demut vor Wissenden. Engagierten Wissenden, Arbeitern wie zum Beispiel Christian Füller.)

Mit freundlichen Grüßen,

Vorstand, Beirat und Mitglieder von „Glasbrechen e.V. – Für die Opfer der pädosexuellen Verbrechen an der Odenwaldschule“
gez. Adrian Koerfer

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