Offener Brief an Glasbrechen e.V. mit der Bitte um Veröffentlichung

12.11.2013

OSO – mein Bruder ist tot. Diese Schule hat ihn sein Leben gekostet.

Warum wird ein Kind auf ein Internat geschickt?
– gute Ausbildung?
– Selbstständig werden? Werden, der du bist?
– Integration in eine Gemeinschaft?

Es gibt bestimmt noch viele Gründe, aber sie sollten eines Gemeinsam haben: das Beste für das Kind.

Mein Bruder Frank S. kam mit 14 Jahren auf die OSO.
Ich, als seine große Schwester, habe ihn alle drei Wochen zum Wochenende geholt und wieder zurück gebracht. Mein Vater hatte entschieden, dass Frank aufs Internat sollte.
Ich habe nie bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Darüber mache ich mir heute die größten Vorwürfe. Frank veränderte sich, er war zu Hause verschlossen und ruhig. „Das ist bestimmt die Pubertät!?“

Mit 18 wirft er alles hin, ein Jahr vor dem Abitur und will nach Berlin. Meinem Vater sagte er, dass er ein freiwilliges soziales Jahr machen möchte. Erst viele Jahre später erzählte er mir, dass sein ehemaliger Schulleiter Gerold Becker in Berlin lebte und ihn, wie einige OSO-Schüler, dort „betreute“. Erst da erfuhr ich in Andeutungen, wie die Betreuung aussah. Gerold Becker war sein Peiniger

Ein Jahr blieb Frank dort, bevor er wieder in die OSO zurückkehrte, um sein Abitur zu machen. Er ging wieder auf die OSO, auf eigenen Wunsch.

Frank kam mit dem Erlebten nicht zurecht, kam nie los von der Schule, von der Vergangenheit. Er blieb in Heppenheim wohnen und arbeitete als Redakteur. Bereits da war er aus heutiger Sicht alkoholkrank.
Er konnte das viele Jahre gut verstecken, wenn er seine Familie in Frankfurt besuchte. Dann trank er nicht.
Er hatte seinen Job, seine Urlaube in Portugal. Was uns auffiel war lediglich, dass er immer alleine war, nie eine längere Beziehung hatte. Er hatte ein soziales Umfeld, einen Freundes – und Bekanntenkreis und trotzdem – Frank konnte sich niemanden anvertrauen, er ließ niemanden in seine Seele schauen.
Erst als im März 2010 die OSO wegen der dort stattgefundenen Verbrechen in die Presse kam, hat mein Bruder sich unserer Mutter anvertraut, ihr erzählte er, dass auch er eines der Opfer war! Endlich hat er das, was ihn seit Jahren belastete, ausgesprochen, aber es ging ihm deshalb nicht besser.
Frank wusste, dass er zu viel trinkt, aber wir müssten uns deshalb keine Sorgen machen. Wieder hat er sich versteckt, wollte uns nicht zur Last fallen. Nur verstanden haben wir das zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wie auch? Uns war ja nichts passiert.
Mit dem Tod unserer Mutter vor zwei Jahren hörte Fränkie auf zu „funktionieren“ . Er sah keinen Grund mehr.
Keine Woche nach der Beerdigung unserer Mutter kündigte Frank seinen Job und fing an Tag und Nacht zu trinken. Frank wurde davon richtig krank. Er musste von einer Klinik in die nächste, freiwillig und unfreiwillig. Sein Leben bestand nur noch aus: Klinik, Reha, Therapie, zu Hause, Alkohol und dann wieder Kneipe um den Kreislauf wieder von vorne anzufangen.
Er wollte nicht mehr leben, nicht mehr denken. Er war depressiv, er verschloss sich mehr und mehr. Wir konnten ihn einfach nicht mehr erreichen.
Mehrere Male mussten wir die Polizei in seine Wohnung schicken; weil wir einfach Angst um ihn hatten.
Im April 2013 versuchte mein Bruder Frank sich an meinem Geburtstag das Leben zu nehmen. Er wollte sich umbringen, weil der Alkohol zu lange brauchte, er sein Leben nicht mehr aushielt. In allerletzter Sekunde rief er selber den Notarzt.
Und wieder haben wir nicht verstanden.
Zu dem Zeitpunkt war er bereits Harz IV-Empfänger und steuerte direkt auf seinen Untergang zu. Frank kapseite sich jetzt nicht nur von uns Schwestern ab, sondern auch von seinen Freunden. Er reagierte nicht mehr. Weder auf Anrufe noch auf Mails oder andere Nachrichten.
Wir haben ein weiteres Mal die Polizei angerufen, die zu ihm nach Hause fuhr und meinen Bruder tot in seiner Wohnung vorfand.
Frank ist innerlich verblutet. Etwa eine Woche lag er in seiner Wohnung.
Wie einsam war er geworden, ein Mensch mit sehr vielen Freunden. Kommunikativ und beliebt und doch unendlich einsam.
Frank wurde nur 43 Jahre alt.
Krank und einsam, weil er als Jugendlicher von Gerold Becker missbraucht worden war. Missbraucht von jemandem, dem er vertraut hat, der ihm helfen sollte, dem er anvertraut war. Missbraucht von einem Pädagogen, der alles im Sinn hatte, nur sicher nicht das Wohlergehen meines Bruders.

Frank war gefangen in seinen Erinnerungen. Als er merkte, dass der Alkohol ihm beim Vergessen nicht helfen konnte, war er schon viel zu tief im Sumpf. Frank hat den Weg raus nicht mehr geschafft.

Jetzt ist Frank auch einer der Toten, den diese Schule ihr Leben gekostet hat. Von ihm weiss ich, dass es bereits einige Tote gibt, die noch mit ihm an der OSO waren.

us_p
Petra Klingl

Die Beisetzung ist am Mittwoch, den 20. November, um 13 Uhr auf dem Friedhof in Frankfurt Eschersheim.

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Frankfurter Rundschau-Interview mit Adrian Koerfer

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Offener Brief an Ines Pohl, Chefredakteurin der ‚taz‘

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Presse soll Missbrauch gedeckt haben

Das berichtet Echo-Online am 9. Juli 2013:

Echo_Online_2013_0709_Presse_soll_Missbrauch_gedeckt_haben (PDF)

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Missbrauchsbeauftragter startet Hilfeportal Sexueller Missbrauch

www.hilfeportal-missbrauch.de

Ein neues Online-Angebot bietet von sexueller Gewalt Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften Informationen zu Beratung, Hilfen und Fragen der Prävention. Eine Datenbank unterstützt bundesweit die Suche nach spezialisierten Beratungs- und Hilfsangeboten vor Ort. Das Hilfeportal ist spezifisch auf die Thematik des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgerichtet und übernimmt eine Lotsenfunktion für das gesamte Bundesgebiet.

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Presseerklärung von GLASBRECHEN e.V. zur Preisvergabe des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit am 20. April 2013 in Stuttgart

Große Klappe, offener Hosenlatz – und nichts dahinter?

Der Vorstand von „Glasbrechen e.V. – für die Opfer der sexualisierten Gewalt an der Odenwaldschule“, die ehemalige Schulleiterin, Frau Margarita Kaufmann und die beiden Aufklärerinnen der Verbrechen, Frau Präsidentin des OLG Frankfurt a.D., Brigitte Tilmann wie auch Frau RAin Claudia Burgsmüller, sind entsetzt über das Festhalten der Theodor-Heuss-Stiftung an ihrem umstrittenen Vorhaben, Daniel Cohn-Bendit den Preis für dessen „Zivilcourage“ am 20. April zu überreichen. Weiterlesen

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Zur Preisvergabe des Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit am 20. April 2012 in Stuttgart

Der Vorstand des Vereins Glasbrechen e.V., die ehemalige Leiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann, und die beiden von ihr 2010 mit der Aufklärung der Verbrechen an der Internatsschule beauftragten Juristinnen, Brigitte Tilmann und Claudia Burgsmüller, möchten mit diesem Schreiben ihre Empörung ausdrücken über das Festhalten der Theodor-Heuss-Stiftung an ihrem Vorhaben, Daniel Cohn-Bendit am 20. April 2013 den Theodor-Heuss-Preis zu überreichen. Weiterlesen

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Bundestag will Rechte von Missbrauchsopfern stärken

Der kleinste gemeinsame Nenner unserer Regierung. Immerhin! Endlich vorgesehen. Nachträglich. Weiterlesen

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Ministerin: Brandenburg beteiligt sich nicht an Missbrauchsfonds

Dringliche Korrektur. Das Land Brandenburg hat sich mit der wirklich sagenhaften Begründung entzogen, es handele sich hier WÖRTLICH um ein Zukunftsthema. Siehe unten. Die familiären Opfer haben keine Ansprechpartner, sie stehen noch viel vereinzelter in Räumen, ihnen sollte der Opferfonds in erster Linie helfen.

Jedes vierte Mädchen, jeder achte Junge? Ungefähr fünf bis sieben Millionen noch lebende Opfer päderastischer Verbrecher? Ein Zukunfsthema? So wie der Flughafen Berlin-Brandenburg?

Macht nur so weiter. Lange bezahlen wir Euch nicht mehr.

Adrian Koerfer
Vorsitzender Glasbrechen e.V.

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Wir fordern:

Eine Kugel im Flipper
Protokoll: Missbrauchsopfer Adrian Koerfer, 57, über den beschämenden Umgang mit den Opfern sexueller Gewalt

Wow, habe ich damals gedacht. Endlich tut sich was. Im März 2010, als Pater Mertes den Missbrauch im Canisius-Kolleg thematisierte, als das Schweigen an der Odenwaldschule gebrochen wurde, als sich Zöglinge der Internatsschule Kloster Ettal und die Schutzbefohlenen der Regensburger Domspatzen äußerten, als Schriftsteller und Musiker Mut fanden, über den an ihnen begangenen pädosexuellen Missbrauch zu sprechen.
Damals, vor drei Jahren, habe ich in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Satz gelesen. Der Pädagogik-Professor Hartmut von Hentig sprach über seinen Freund Gerold Ummo Becker den einstigen Rektor der Odenwaldschule, meinen früheren Lehrer. Wenn überhaupt, wurde Hentig zitiert, dann sei Becker von einigen wenigen Schülern verführt worden. So nicht, dachte ich. Nicht mehr mit mir. Auch ich beschloss, zu reden.
Drei Jahre sind seitdem vergangen. Drei Jahre, in denen ich jeden einzelnen Tag dem Kampf gegen das Vertuschen, das Verleugnen, das Verwischen und Beschönigen der päderastischen Verbrechen gewidmet habe. Mit meinem Namen. Mit meinem Bild in der Zeitung.
Seit drei Jahren lebe ich nun mit dem Gefühl, erkannt zu werden, wenn ich in die U-Bahn steige, in den Zug, ins Flugzeug. Erkannt als etwas, was wir in den Augen vieler noch sind: Beschmutzt, fäkalisiert und der unausgesprochenen Frage ausgesetzt „warum habt ihr euch denn nicht gewehrt?“.
Am Anfang sah es so aus, als könnte sich dieser Preis lohnen. Es gab sehr bald den „Runden Tisch“ in Berlin, es wurden Expertenteams gebildet, Arbeitsgruppen gegründet, mit Christine Bergmann eine unabhängige Missbrauchsbeauftrage eingesetzt, die ihre Arbeit aufopferungsvoll und emphatisch wahrnahm.
Und heute? Schachern der Bund und die Länder immer noch ums Geld für die Entschädigung. Stellen wir, die Betroffenen und die Opferverbände, enttäuscht fest, dass in drei Jahren praktisch nichts zu unseren Gunsten entschieden wurde. Noch immer gibt es kein Gesetz, das die Verjährungsfrist bei pädosexuellem Missbrauch verlängert. Noch immer ist die Stelle des unabhängigen Missbrauchsbeauftragten mit eigenem Etat nicht verbindlich gesichert. „Ich finanziere Sie ja“, sagte die zuständige Ministerin Kristina Schröder vergangene Woche am Runden Tisch zu dem Beauftragen Johannes-Wilhelm Röhrig. Etwa nach dem Motto: Was wollen Sie mehr?
Ich fühle mich wie die Kugel im Flipperspiel der Bundespolitik. Hört man uns noch? Will man uns überhaupt noch hören? Oder ist unser Anliegen immer noch oder schon wieder zu schmutzig, um sich damit auseinanderzusetzen? Vielleicht befürchten einige Politiker Ansteckungsgefahr. Beschmutzungsgefahr.
Im Jahr 2010 empfahl der Becker-Freund Hentig eine Strategie des Aussitzens. Zwei Jahre vielleicht, dann sei alles vorbei. Nicht mit uns. Die Vertuscher dürfen nicht gewinnen!
Spiegel Nr. 9/2013

Die Opfer pädosexueller Verbrechen in Heimen, Internaten, Sportvereinen etc. und Familien sind nach wie vor schwer enttäuscht von der Geschwindigkeit der Berliner Politik. Wir alle – unisono – beklagen den Umstand, dass seit drei Jahren faktisch und praktisch nichts zu unseren Gunsten entschieden wurde.

Wir konstatieren (konsterniert), dass die (unnötig vielen beteiligten) Bundesministerien zugeben, selbst immer noch am Anfang der Aufarbeitung wie der opferbezogenen Gesetzgebung zu stehen. Von der dringend notwendigen Ermöglichung von opfergerechten Anlaufstellen usw. ganz zu schweigen.

Stichwort: Schweigen. Einen Tag vor dem vom UBSKM veranlassten „Bilanztreffen des Runden Tisches der Bundesregierung“ liess Frau Schröder/Herr Schäuble verlauten, die Euro 50 Mio von Bundesseite zugunsten der Opferhilfe (u.a. für vom familiären Missbrauch Betroffene) könnten eventuell auch ohne das „matching“ seitens der Länder angewiesen werden… Unglaublich! Nur Bayern und Brandenburg – das reichste und das ärmste Bundesland – haben sich bislang opferempathisch gezeigt. Dazwischen klafft die grosse, vermeintlich klamme Lücke! In einem der reichsten Länder dieser Welt.

Wir fordern: eine zweite und dritte Lesung der Gesetze bzgl. Veränderung der Verjährung im Zusammenhang mit pädosexuellem Missbrauch noch in dieser Legislaturperiode. (Zeit dazu war zur Genüge vorhanden. Jetzt allerdings gibt es nur noch drei Plenarsitzungen des Parlaments, bis der „stall“ des Wahlkampfes wieder greift.) Die Veränderung der gesetzlichen Vorgaben – zivil-, wie strafrechtlich – hat unserer Meinung nach übrigens auch präventiven Charakter.

(Inside: offenbar hat das FDP-Mitglied im Rechtsausschuss die Gesetzesvorlagen bis dato blockiert. Aus Ressentiments gegenüber der Justizministerin. So funktioniert Politik heutzutage.)

Wir fordern, nach dem entsetzlichen Geeire der politisch Verantwortlichen bis dato: eine langfristige Übernahme der Verantwortung seitens des Bundes für das Thema Kindesmissbrauch.

Wir fordern: eine rechtliche Verankerung der Stelle eines unabhängigen Beauftragten/einer unabhängigen Beauftragte bei der Bundesregierung, analog zu den Positionen beispielsweise eines Datenschutzbeauftragten oder eines Wehrbeauftragten. (Es gibt in Deutschland mehr Opfer sexueller und pädosexueller Gewalt als Soldaten (von der Schnittmenge hier mal ganz abgesehen…)

Wir fordern: die Einrichtung eines vom Parlament berufenen Fachbeirats und die Möglichkeit für den Unabhängigen Beauftragten, einmal pro Legislaturperiode vor dem Bundestag zu berichten.

Wir fordern: die strukturierte, institutionalisierte Verankerung der Beteiligung von Betroffenenvertretern bei der dann hoffentlich unabhängigen Stelle eines Missbrauchsbeauftragten/einer Missbrauchsbeauftragten und einen eigenen Etat für diese wichtige (Anlauf)-Stelle.

Damit nicht mehr passiert, was neulich im Rahmen des BIlanz-Treffens „Runder-Tisch“ zu hören war, als die Minsterin Schröder (mit weißer Weste angerauscht, übrigens) zum UBSKM, Herrn Rörig sagte: „Ich finanziere sie ja“. So nach dem Motto: was wollen Sie mehr?

Wir wollen deutlich mehr, jetzt noch, in dieser Legislaturperiode, und später auch. So sind wir halt, die an zwei Händen abzuzählenden, öffentlich auftretenden Opfervertreter der über viele Generationen sexuell Missbrauchten unserer Republik.

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