Die Zukunft von Glasbrechen

Die vergangenen Monate waren turbulent.

Mit dem Jahreswechsel ist Adrian Koerfer von seinem Vorstandsposten zurück getreten und als Mitglied bei Glasbrechen ausgeschieden. Zusammen mit ihm haben einige Andere unseren Verein verlassen.

Wir bedauern den bereits seit längerem angekündigten Austritt von Adrian Koerfer, hat er doch – mit uns gemeinsam – in den vergangenen Jahren wertvolle Arbeit für Glasbrechen geleistet. Gleichzeitig freuen wir uns darüber, dass er weiterhin in Berliner Gremien für die Opfer sexualisierter Gewalt aktiv sein wird. Vielleicht ergibt sich in Zukunft aus dieser neuen Konstellation eine konstruktive Zusammenarbeit.

Aber auch wenn der Verlust uns lieber Mitglieder zweifellos eine Zäsur war: Die Existenzberechtigung des Vereins Glasbrechen hing und hängt nicht von der Mitgliedschaft Einzelner ab.

Und deshalb hat sich Glasbrechen – entgegen anders lautender Pressemeldungen der vergangenen Tage – nicht im vergangenen Oktober aufgelöst.

Allerdings haben die Ereignisse der vergangenen Wochen die Notwendigkeit bewiesen, die bisherigen Strategien und Ziele des Vereins zu überprüfen und gegebenenfalls neu zu formulieren.

Deshalb soll noch im Januar 2016 eine ordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden. Der derzeitige Vorstand setzt für dieses Treffen auf die Anwesenheit möglichst vieler Mitglieder.

Bis dahin setzt der Verein, auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mitglieder hin, seine Arbeit zugunsten der Opfer sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule unbeirrt fort.

Sofern die Mitgliederversammlung nichts anderes beschliesst, wird sich Glasbrechen auch in Zukunft für seine Satzungsziele einsetzen. Denn auch wenn es die Odenwaldschule nicht mehr gibt – die Opfer sexualisierter Gewalt und ihr Leid sind nicht gemeinsam mit der Schule untergegangen.

Deshalb werden wir weiterhin

  • Ansprechpartner sein für alle Opfer der Odenwaldschule, unabhängig davon, ob sie Mitglied bei Glasbrechen sind oder nicht;
  • für eine angemessene Entschädigung, Anerkennungszahlungen und nachhaltige Hilfe für die Betroffenen kämpfen;
  • die Aufklärung der über Jahrzehnte an den der Odenwaldschule anvertrauten Kinder begangenen Verbrechen verfolgen;
  • auf der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Systems bestehen, dass diese Verbrechen überhaupt erst möglich machte;
  • jede Institution, die Lehren aus den Ereignissen der Vergangenheit ziehen möchte, bei der Entwicklung eines modernen und umfassenden Präventionskatalogs unterstützen;

Eines hat das Insolvenzverfahren der Odenwaldschule bereits bewirkt: Niemand kann derzeit mit Sicherheit sagen, ob der Opferverein Glasbrechen noch Gelder aus der Vermögensmasse der Schule erwarten darf.

Daher sind wir, mehr noch als in der Vergangenheit, auf Spenden angewiesen.

Für Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung:
E-Mail: kontakt@glasbrechen.de bzw.
Telefon: 069 / 13390944

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Aufruf zur Teilnahme an Forschungsinterviews an ehemalige SchülerInnen der Odenwaldschule…

IPP – Institut für Praxisforschung und Projektberatung:

Aufruf zur Teilnahme an Forschungsinterviews an ehemalige SchülerInnen der Odenwaldschule, deren Aufenthalt über das Jugendamt finanziert wurde und Bitte an alle AltschülerInnen um Mithilfe bei der Gewinnung von ehemaligen LehrerInnen/MitarbeiterInnen für Interviews

Oktober 2015

Liebe ehemalige Schülerinnen und Schüler der Odenwaldschule,

wie Sie vielleicht wissen, wurde das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) aus München zusammen mit Herrn Prof. Dr. Jens Brachmann von der Universität Rostock mit der wissenschaftlichen Studie „Sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule“ beauftragt. Trotz der Insolvenz der Odenwaldschule soll dieser Forschungsauftrag abgeschlossen werden.

1.) Nach unserem ersten Aufruf vom Oktober 2014 meldeten sich bei uns kaum Altschüler, deren Aufenthalt durch das Jugendamt finanziert wurde. Daher ist es uns ein dringendes Anliegen noch weitere Interviews mit AltschülerInnen mit Jugendamtsfinanzierung zu führen. Sofern Sie zu dieser Personengruppe gehören, bitten wir Sie, sich zu einem Interview zur Verfügung zu stellen. Das Interview wird ca. zwei Stunden dauern und der Ort kann individuell vereinbart werden. In dem Interview wird es u. a. um Ihre persönlichen Erfahrungen in der Odenwaldschule, um ihre Anpassungsstrategien, über ihre Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt und über ihre jetzige Sicht auf die damalige Zeit gehen.

Falls Sie bereit sind, mit uns über Ihre Erlebnisse im Zusammenhang mit der Odenwaldschule zu sprechen, bitten wir Sie, uns dies unter Odenwaldschule@ipp-muenchen.de mitzuteilen. Bitte informieren Sie uns in Ihrer E-Mail über den von Ihnen gewünschten Interviewort. Falls Sie sich vorstellen können, ins IPP nach München zu kommen, werden wir Ihnen Ihre Fahrtkosten erstatten. Darüber hinaus bräuchten wir Angaben zu dem Zeitraum, in dem Sie in der Odenwaldschule waren. Für eine Angabe, ob Sie von sexualisierter Gewalt betroffen oder nicht betroffen sind, wären wir Ihnen dankbar. Falls Sie es wollen, können Sie uns auch Angaben zum Tatzeitraum, den Täter bzw. Täterinnen und zur Tat mitteilen. Ihre Daten werden ausschließlich vom IPP unter Berücksichtigung des Datenschutzes verwendet.

2.) Darüber hinaus bitten wir alle AltschülerInnen um die Mithilfe bei Suche nach ehemaligen LehrerInnen/MitarbeiterInnen der Odenwaldschule. Sofern sie noch Kontakt zu ehemaligen LehrerInnen/MitarbeiterInnen haben, wären wir Ihnen dankbar, wenn Sie sie auf unsere Studie aufmerksam machen und Sie dazu motivieren könnten, sich für ein Forschungsinterview beim IPP unter der oben angegeben E-Mail Adresse zu melden.

Über das IPP können Sie sich unter http://www.ipp-muenchen.de informieren. Hier können Sie auch die vom IPP veröffentlichte Studien zu den Missbrauchsvorfällen in den Internaten der Benediktinerabteien Ettal und Kremsmünster unter http://www.ipp-muenchen.de/texte/ap_10.pdf bzw. http://www.ipp-muenchen.de/files/bericht_kremsmuenster_ipp_issn_1614-3159_nr-11.pdf abrufen und dadurch einen Einblick in die wissenschaftliche Arbeitsweise des IPP bekommen.

Bei Fragen können Sie sich gerne telefonisch an Dr. Florian Straus oder Gerhard Hackenschmied Tel.: 0049/89/5435977-0 beim IPP, Ringseisstr. 8, 80337 München wenden.

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Vortrag in Rostock anlässlich der Tagung „Gewalterfahrung, Übergriffigkeit und deren Bewältigungsstrategien in öffentlichen Einrichtungen und auf pädagogischen Feldern“

Gewalt-Verbrechen

Zu einigen Aspekten einer Opfer-Situation im Zeichen sexuell motivierten Kindesmissbrauchs. Weiterlesen

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Zur wirtschaftlich dramatischen Situation der Odenwaldschule

Presserklärung seitens Glasbrechen e.V. zur Insolvenz der Odenwaldschule

Der Schlange beim Todeskampf zusehen zu müssen, tut weh. Im Klartext: die gegenwärtigen Schüler der OWS tun uns leid. Sie lebten bis heute in ständiger Angst um die Existenz ihrer Schule, die Mitarbeiter der Schule lebten seit Jahren in grösster Nervosität.
Den Schülern und Schülerinnen gilt unser Mitgefühl. Einen solchen Abschied haben sie nicht verdient.
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Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten ist konstituiert

Rörig: „Die Konstituierung des Betroffenenrats ist ein historisches Ereignis. Jetzt können Erfahrung und Kompetenz von Betroffenen kontinuierlich in die politischen Prozesse einfließen.“

Pressemitteilung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

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Kampagne „Kein Raum für Missbrauch“

Missbrauchsbeauftragter bietet Schulen, Sportvereinen und Praxen  neues Informationsmaterial für die Prävention von sexueller Gewalt 

Neu gestaltete Homepage des Beauftragten erweitert das Informationsangebot insbesondere zu Prävention, Hilfen und rechtlichen Fragen.

Hier dazu die Pressemitteilung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig.

PM_Neue Präventionsmaterialien_Relaunch Website (PDF)

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Kurzfassung Bundespressekonferenz 26.01.2015

Kindesmissbrauch in Deutschland ist so aktuell wie auf allen anderen Erdteilen. Kindesmissbrauch ist weltweit. Kindesmissbrauch gibt es seit Menschengedenken. Bis heute noch hört Kindesmissbrauch nirgends auf. Auch 2015 nicht.
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Zur Bundespressekonferenz am 26.01.2015

Kindesmissbrauch in Deutschland ist so aktuell wie Kindesmissbrauch auf allen anderen Erdteilen. Kindesmissbrauch ist weltweit. Kindesmissbrauch gibt es seit Menschengedenken.

Prävention von Kindesmissbrauch ist so wichtig wie zum Beispiel Umweltpolitik. Das Phänomen Kindesmissbrauch ist aktuell wie Glaubensfragen. Wie heutige angebliche Glaubenskriege. Kindesmissbrauch spielt in allen Auseinandersetzungen eine furchtbare strategische Rolle, in Friedenszeiten auch. Kindesmissbrauch geht hierarchisch von oben nach unten. Kindesmissbrauch ist so dramatisch aktuell wie die Verbrechen der Boko Haram, des sog. IS, der Taliban. Nur passiert alles hier viel lautloser.

Kindesmissbrauch fängt historisch im Nirgendwo an und hört historisch nirgendwo auf.

Bis heute noch hört Kindesmissbrauch nirgends auf. Ich schreibe das im Jahr 2015.

Kindesmissbrauch ist so lebensentscheidend bedrohlich für die Opfer desselben wie Ebola, (wobei Ebola manchmal glücklicherweise heilbar ist), bedrohlich wie der Tsunami in Indonesien, wie das Erdbeben auf Haiti, wie das Rätselende von MH 370, wie das Leben im heutigen Syrien, beispielsweise. Kindesmissbrauch bedeutet häufig den Verlust allen Vertrauens und aller Hoffnung. Kindesmissbrauch ist für viele der Opfer oft frühzeitig tödlich.

Kindesmissbrauch ist tagesaktuell. Kindesmissbrauch ist immer und überall. Die Medien aber berichten über: den fünften Jahrestag des Erdbebens in Haiti, den zehnten Jahrestag des Tsunamis, die täglichen Opfer der Taliban in Afghanistan und Pakistan. Die Suche nach MH 370. Selten nur über die täglichen Opfer von Kindesmissbrauch. (Und gleichzeitig gilt mein herzlicher Dank den Medienvertretern, – ohne die WIR alle noch deutlich schutzloser wären.)

Wir sprechen von sieben bis neun Millionen Opfern von Kindesmissbrauch allein in Deutschland.

Kindesmissbrauch wird immer noch weitestgehend negiert im öffentlichen Denken. Die von Pädosexuellen missbrauchten Menschen sind offenbar: beschmutzt, selber schuld, sind nicht so wie Ihr.

Ich bin ein sexuell missbrauchtes Kind.

Zur Odenwaldschule: hier hiesse das Zauberwort „Haltung“. Wie hat sich die Schule, wie haben sich andere Täterorganisationen zu ihrer Schuld verhalten, wie verlief in den letzten fünf Jahren die Diskussion mit diesen „traumatisierten Institutionen“? Im Fall der Odenwaldschule muss ich leider eingestehen, dass wir im Grunde auch nach fünf Jahren Bewusstseinsarbeit wieder und noch am Anfang stehen. Gescheitert mit dem Versuch, Verständis für unsere Anliegen zu erreichen, vor allem aber auch in den Gremien der Schule ein Bewusstsein für die Traumatisierung der Opfer zu implementieren.

Reaktionen darauf sind nach fünf Jahren für uns weder spürbar noch erahnbar geworden. – Ich muss hier von den Eltern der gegenwärtigen Schüler  und auch von den Schülern absehen. Sie haben begriffen, dass ohne eine Aussöhnung mit den Opfern und deren Vertretern eine Zukunft der Schule nahezu unmöglich erscheint.  – Nicht so: Teile des Trägervereins, der Mitarbeiterschaft, des Altschülervereins. – Stichwort: macht uns unsere Schule nicht kaputt. Stichwort: Glasbrechen e.V.  ist unser natürlicher Feind. (Einige  der Lehrer der aktuellen Odenwaldschule waren schon zu Zeiten des Verbrechers Gerold Becker vor Ort. Sie schauen uns heute böse ängstlich an.)

Natürlich sind alle inzwischen dokumentierten Vorwürfe mittlerweile verjährt. Die Sprachlosigkeit der Schulverantwortlichen macht uns dennoch fassungslos. Dort oben wohnen sie noch, mit ihren Frauen, in ihren Familien, mit ihren Rentenansprüchen. Wir aber haben bis dato keine Ansprechpartner. Niemand ist uns wirklich wohlgesonnen, auch heute noch nicht!

Die Verweigerungshaltung von Institutionen wie der Odenwaldschule, und damit die bis heute problematische Haltung aller Täterorganisationen, kann m. E. nur dazu führen, die Haltung (!) gegenüber ihren Opfern zum alleinig gültigen Kriterium für weitere öffentliche oder auch private Förderung zu machen. Nichts anderes geht mehr, rien ne vas plus ausser: Wahrheitswahrnehmung, Verantwortungsübernahme, Schuldeingeständis und Empathie. Das müsste der Lakmustest für alle Institutionen sein!

Die Folgen für Opfer des Kindesmissbrauchs sind viel gravierender – immer noch viel gravierender – als die Folgen für jedwede institutionellen Tatorte. Das ist falsch.

Von den Opfern von Missbrauch in Familien, von den Opfern von Missbrauch im familiennahen Umfeld spreche ich hier nicht. Ich denke an sie.

Das führt mich zum letzten Punkt: der Mitwisserschaft.

Annähernd die Hälfte des Lehrpersonals meiner damaligen Schule – das ergeben heutige Erkenntnisse – war sexuell übergriffig gegenüber ihren Schutzbefohlenen. Gut die Hälfte der übrigen Hälfte mag nichts gewusst, mag nichts gesehen haben. Bleibt ein Viertel der Belegschaft, das gesehen, gehört, gewusst  – und nichts getan hat. Keinen Finger gekrümmt – an damals gängigen Telefonwählscheiben beispielsweise.

Niemand wurde informiert. Kein Schulamt. Kein Ministerium. Keine Polizei.

Es ist heute zu befürchten, dass mehr als fünfhundert Kinder und Jugendliche allein an der Odenwaldschule Opfer von päderastischen, pädosexuellen Verbrechern wurden. Opfer beiderlei Geschlechts übrigens. Sowohl als auch. Es gab auch Täterinnen.

Und niemand der vor Ort täglich Anwesenden fühlte sich dazu aufgerufen, Hilfe zu organisieren, dringend benötigte Hilfe von Aussen zu holen. Ganz im Gegenteil: Kinder (!) wurden von Mitwissern zur Abtreibung überredet. Kinder waren schwanger geworden von ihrem Lehrer. Beispielsweise.

Mein Appell geht daher heute an jene, in allen möglichen Bereichen des Kindesmissbrauchs, an die Mütter von Kindern, deren Männer missbrauchen, an die Kollegen und Kolleginnen von Lehrern, die Kinder missbrauchen, an die  Kollegen von Priestern, Pfarrern, Sportlehrern etc. usw.

Mit nur ein wenig mehr Mut, der so unendlich wichtig wäre, könnten Mitwisser jetzt gerade, in dieser Minute, hunderte von Kindern noch vor den fatalen Folgen von Kindesmissbrauch retten. Hier und überall. Jederzeit. Immerzu.

Fazit: ohne die (leider durchaus plausible) Scheu vieler Mitwisser gäbe es deutlich weniger Opfer. Mitwisser werden zu Mittätern, solange sie sich nicht endlich zum Schutz der betroffenen Kinder und Jugendlichen entschliessen.

Adrian Koerfer

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Versuch einer Beschreibung des Verhältnis der Odenwaldschule zu ihren unzähligen Opfern zum gegenwärtigen Zeitpunkt

Stand: Mitte Januar 2015

Glasbrechen e.V. existiert seit September 2010. Seitdem ist der Verein in seinem Kampf für Opferrechte über wenige Höhen und durch viele Tiefen gegangen.

Es ist zu rekapitulieren, dass die (ständig wechselnden) Verantwortlichen der Odenwaldschule uns die Arbeit nicht leichter machten. Spätestens seit 1998 wussten die Gremien der Schule von den Missbrauchsfällen. Das ungeheure Ausmaß der pädosexuell motivierten Übergriffe und Verbrechen wurde der Öffentlichkeit wie auch uns ehemaligen Schülern und Schülerinnen erst im Laufe der letzten Jahre, frühestens ab März 2010, bekannt. Zuvor allerdings schon hatte die damalige Schulleiterin, Frau Margarita Kaufmann ehrlich versucht, Licht in die Düsternis und das Verdunkeln seitens der Trägerschaft der Schule zu bringen. Sehr bedauerlich ist die Tatsache, dass Frau Kaufmann damit weitestgehend scheiterte, sieht man einmal von der Beauftragung der beiden Juristinnen Tilmann und Burgsmüller als neutrale Anlaufstelle für Opfer ab. Das entpuppte sich als ein Glücksfall für die Betroffenen sexuellen Missbrauchs.

Sehr bedauerlich ist heute, dass ein ehemaliges Mitglied jenes Vorstandes des Trägervereins, der 1998 von den Verbrechen erfuhr und ausser Verdunkelung nichts tat, jetzt wieder im Vorstand eben dieses schwer belasteten Trägervereins sitzt und offenbar gegen die Opferinteressen agiert. Einer unserer ehemaligen Mitschüler. Tut so, als sei nichts gewesen. (Auch das ist in diesem Zusammenhang nichts ungewöhnliches.)

Es lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt feststellen, dass es durchaus gutmeinende Kräfte im Umkreis der Schule gibt, die zukunftsorientiert, auch mit uns, arbeiten wollen. So ist zum Beispiel ein „Runder Tisch Odenwaldschule“ im vergangenen Herbst installiert worden, der alle Interessensgruppen, zum ersten Mal aber auch den Opferverein Glasbrechen zu einer konstruktiven Diskussion versammeln wollte – um damit ein Zeichen für eine neue Entwicklung an der OWS zu setzen. Diese Initiative ist heute wieder vom Scheitern bedroht, weil immer noch alte, stumpfe Kräfte bestrebt sind, den Dialog mit den Opfern und damit die Aussöhnung mit ihnen zu erschweren, wenn nicht gar zu verhindern.

Es gehen Gerüchte, der Vorstand des Trägervereins wolle auch jetzt noch eine Betriebs-GmbH unter Umgehung progressiver Kräfte, gegen die Intentionen der Politik, auch hinter dem Rücken des für die Vorbereitung der geforderten Umstrukturierung der Schule vom Vorstand selbst eingesetzten Initiators des Runden Tisches, Herrn RA Köhler, installieren. Dabei müsste heute!, endlich!, wenigstens! allen an der Schule Verantwortlichen klar sein, dass Köhlers Entwurf „Alt plus Neu – ein echtes Stiftungsmodell“ eigentlich ohne jede mögliche Alternative ist! Uns scheint es aber so zu sein, als hätten die Herren Herbert, Rademacker, Glauner, als hätte dies der Vorstand immer noch nicht begriffen.

Damit wird einer der zentralen Forderungen aus dem hessischen Sozialministerium und aus dem Heppenheimer Landratsamt immer noch eine lange Nase gedreht. Man scheint zu glauben, ohne Aussöhnung wie auch ohne die schon vereinbarten, kontinuierlichen Zahlungen an den Opferverein davon zu kommen. Die Frage stellt sich: wohin soll eine solche Haltung 2015 noch führen?

Im Gegensatz zum Vorstand des Trägervereins, namentlich die Herren Herbert, Rademacker und Glauner, halten inzwischen auch die Elternvertreter als die Vertreter der Kunden eine Versöhnung mit den Opfern für unabdingbar.

Im Jahr 2014 hat die Odenwaldschule endlich Euro 80.000,– für eine Aufklärung ihrer Verbrechensgeschichte zur Verfügung gestellt, die übrigen noch benötigten Euro 35.000,– wurden vom Hessischen Sozialministerium bereit gestellt, so dass endlich – und nur auf Druck aus der Politik (Landräte und MdL Marcus Bocklet) und seitens Glasbrechen e.V. – eine unabhängige Untersuchung durch die Universität Rostock (Lehrstuhl Prof. Dr. Jens Brachmann) und das Münchner IPP-Institut in Auftrag gegeben werden konnte. In wieweit die entsprechenden Stellen der Schule (Archivleitung, Vorstand Trägerverein, Mitarbeiterschaft) tatsächlich hilfreich mit den beiden Instituten kooperieren, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht gesichert abschätzen. Auch hier besteht unsererseits leider begründete Skepsis.

Die von der Schule ins Leben gerufene Stiftung „Brücken bauen“ hat – nach anfänglichen Angriffen auf uns Opfervertreter und der Ablehnung jeglichen Kontaktes zu uns – auch ihre verständige Seite gezeigt, und nach Vermittlung durch den „Beirat“ von Glasbrechen, der sich mit den Ansprüchen der Opfer und notwendigen Anerkennungsbeiträgen seit Jahren wissend beschäftigt, – Zahlungen im Bereich zwischen Euro 5.000,– und Euro 20.000,– manchen Opfern zugewiesen.

Sehr viele Opfer, die wir teilweise persönlich kennen, deren Geschichten wir kennen, haben sich weder bei der Anlaufstelle Tilmann/Burgsmüller noch bei der Schule noch bei der Stiftung gemeldet. Wir müssen also weiterhin von mehr als fünfhundert Opfern der päderastischen Verbrechen an der OWS ausgehen.

Zum Schluss eine kurze Skizze der Haltung der Odenwaldschule ihren Opfern gegenüber. Frau Kaufmann erwähnten wir schon, sie hat empathisch versucht, aufzuklären. Nach ihr wurde für zwei Jahre ein opferabgewandtes, hermetisches, geschichtsverneinendes System an der Schule etabliert, mit dem keinerlei Dialog mehr möglich war. Dieser furchtbaren Frostperiode fielen leider auch die beiden hoch engagierten Vorstandsmitglieder des Trägervereins, Johannes von Dohnanyi und Michael Frenzel, zum Opfer. Ihnen war es seit Mai 2010 an Aussöhnung und Schuldanerkenntnis gelegen. Aber: ohne sie blieb es dort oben für uns weiterhin schrecklich kalt, bis endlich der neue Schulleiter, Dr. Siegfried Däschler-Seiler, das Gespräch mit uns suchte, uns zuhörte und versuchte, zu verstehen, was bisher passiert war. Ihm war daran gelegen, eine Aussöhnung voran zu treiben.

Nach nicht mal einem Jahr der Tätigkeit vor Ort wurde dieser ehrenwerte Mann vom Vorstand des Trägervereins fristlos entlassen. Ein arbeitsgerichtliches Verfahren, in dem Herr Dr. Däschler-Seiler in erster Instanz in vollem Umfang obsiegt hat, ist noch nicht abgeschlossen. Vor der Kündigung hatten die Herren Herbert und Kollegen Herrn Dr. Däschler-Seiler noch ein Kontaktverbot zu uns auferlegt. Nordkorea in Ober-Hambach.

Noch herrscht dort ein autoritäres Regime ohne Verwurzelung im eigenen Verein, ohne Respekt vor den Belangen und der Traumatisierung der Opfer, ohne Wahrnehmung der politischen, progressiven Kräfte um es herum, ohne Demokratieverständnis. Manche sagen uns, wir hätten es mit Rosstäuschern zu tun.

Im Grunde zeigt diese hoch aktuelle Skizze, wie mühsam die Arbeit der letzten bald fünf Jahre war. Niemandem wünschen wir einen solch zähen, manchmal aberwitzigen Kampf. Und wissen doch, dass viele unserer Kollegen in den anderen schwer belasteten Institutionen genau so auch kämpfen müssen.

Das von uns gestiftete Mahnmal (Entwurf Daniel Brenner) steht heute noch ohne Stiftertafel da. Und wurde in der Ära Höhmann bloß Triptychon genannt. (Auch diese Haltung scheint für Täterorganisationen insgesamt prototypisch zu sein.)

Adrian Koerfer, 1. Vorsitzender „Glasbrechen e.V. – Für die Opfer pädosexueller Verbrechen an der Odenwaldschule“ 

Für den Vorstand und den Verein.

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Impulsreferat anlässlich der BDK der Bündnisgrünen am 22.11.2014 in Hamburg

Lieber Cem (Özdemir),
liebe Simone (Peter)
lieber Marcus (Bocklet),
liebe Elkin (Deligöz),
lieber Michael (Kellner),
liebe Mitglieder der Arbeitsgruppe „Pädophilie“,
liebe Delegierte,

meine Frau riet mir, Euch zu siezen. Ich habe mich entschieden, Sie zu duzen.

Euch allen herzlichen Dank für euer teilweise schon frühes Interesse an unserer Sache und daher auch für die Einladung, hier vor Euch allen sprechen zu dürfen.

Kindesmissbrauch hinterlässt auch Spuren im Hirn. Unter bestimmten Bedingungen lassen sich die Hinterlassenschaften von Kindesmissbrauch in den Hirnen erwachsener Opfer als Verletzung an einer ganz bestimmten Stelle nachweisen. Das entnahm ich vor Jahren der Süddeutschen Zeitung.

„Es handelt sich vermutlich um die Störung eines umfassenden Netzwerkes, in dem autobiographische Erinnerungen gespeichert und mit emotionalen Beiwerten verbunden werden. Ähnliches ist bei posttraumatischen Verhaltensstörungen zu erwarten.“ Das schrieb mir neulich Professor Wolf Singer aus Anlass meines Vortrages bei Euch.

„Kindesmissbrauch ist Seelenmord“ sagt Frau Professor Luise Reddemann.

Was will uns das bedeuten? Kindesmissbrauch ist kein Kavaliersdelikt, keine Tat nach Gutsherrenart, – wie Alice Schwarzer neulich noch pointiert formulierte, – Kindesmissbrauch versetzt die Opfer desselben in eine fatale, lebenslänglich anhaltende Form der Persönlichkeitsveränderung. Ich spreche hier von mir: ich selbst hatte Jahrzehnte lang das Gefühl, immer zu versagen. Immer eben gerade nicht stark zu sein, wo ich hätte stark sein müssen, immer gerade nicht nein zu sagen, wo ich hätte nein sagen müssen, und jede mögliche, dauerhafte Nähe eines anderen Menschen bei mir wurde auf seelische Prüfstände gestellt, gegen die das Laufen über luftige Hängebrücken in größter Höhe ein Kinderspiel ist.

Viele Opfer päderastischer und pädosexueller Verbrechen –

kleiner Exkurs: die wenigsten Täter und Täterinnen im Bereich des Kindesmissbrauchs sind sog. Pädophile. Die meisten von ihnen sind ganz gewöhnliche Kriminelle, die ohne jedes Gedenken an die Folgen ihrer Taten Kinder selbstsüchtig missbrauchen, benutzen, erniedrigen, in Abhängigkeiten zwingen, sie unendlich tief hinabziehen und beschmutzen. Exkursende.

Viele Opfer des pädosexuellen Kindesmissbrauchs kommen bis heute kaum vor die Tür, sind nicht in der Lage, Anträge auf Anerkennungszahlungen zu stellen, sind nicht in der Lage zu Ämtergängen. Und viele Opfer des pädosexuellen Missbrauchs aus den siebziger und achtziger Jahren sind heute bereits tot. Früh verstorben. Wir haben es mit einem schweren Thema zu tun.

Wir Opferverbände und Hilfsorganisationen gehen von folgenden Zahlen auch heute noch aus: – jeweils ohne alle Dunkelziffern!

– jedes vierte Mädchen, jeder achte Junge wird zum Opfer pädokriminellen Missbrauchs im Lauf der Schulzeit

– ungefähr 40 Kinder werden pro Tag Opfer von Missbrauch (laut BKA 2011)

– ca. 15.000 Kinder werden also in Deutschland jährlich neue Opfer pädosexueller Verbrechen

– jedes zweite Mädchen im Bereich von Behinderteneinrichtungen wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ein Opfer von pädosexueller Gewalt in der jeweiligen Einrichtung

Heute sprechen wir von sechs bis acht Millionen erwachsenen Opfern päderastischen Missbrauchs in der BRD …..

Meine vier Mantren des Kindesmissbrauchs lauten:

– jeder sexuelle Missbrauch findet immer in einem hierarchischen Verhältnis statt, auch der unter Erwachsenen: immer in einem Miss-Verhältnis von Stärke und Schwäche, von oben nach unten.
Es gibt also keinen einvernehmlichen Sex zwischen Kindern und Erwachsenen! Welches Kind käme allen Ernstes auf die Idee, Sex mit mir haben zu wollen? Was für ein absurder Gedanke!

– es gibt bei fast jedem pädosexuellen Missbrauch Mitwisser. (Kollegen, die Frau und Mutter, die eigene Schwester, die Nachbarschaft usw.)

– in allen Fällen fühlt sich das Opfer erniedrigt und beschmutzt, ist traumatisiert und sein Vertrauen in Instanzen und Vertraute losgeworden. Die Folgen sind sehr oft: lebenslanger Alkohol- und Drogenabusus. Bindungsunfähigkeit, Vereinsamung, früher Tod.

– die Beschmutzung , der Vertrauensverlust führt dann zu jener Omerta, dem Schweigen der Opfer, auf das die Täter sich ganz oft, fast immer über lange Jahrzehnte hinweg verlassen können.

Unter anderem deshalb sind die Verlängerung der Verjährungs- und Hemmfristen so dringend geboten. Ich betrachte die jetzt formulierten veränderten Fristen als einen wichtigen Akt der Prävention.

Stichwort Prävention: da liegt noch sehr vieles im Argen. Später dazu noch ein wenig mehr. Grundsätzlich gilt immer: Aufklärung ist die beste Prävention.
Und hier meine ich: schonungslose Aufklärung. Und jetzt bin ich bei Euch und bei diesem einen Thema der diesjährigen Delegiertenkonferenz.
Zunächst: großes Kompliment und große Achtung vor Eurem
Entschluss, den Untersuchungsbericht in Auftrag zu geben. Mir ist keine Partei bekannt, die zu diesem oder einem ähnlich brisanten Thema sich hätte so schonungslos in die Karten schauen
lassen.

Es gibt immer Kritiker jedweden Tuns. Von mir aber gibt es zunächst einmal großes Lob.
Dieses Lob gebührt allen Beteiligten in eurer Partei, sehr explizit aber Simone Peter – die ganz offenbar die Aufgabe der historischen Aufarbeitung begriffen, ernst genommen und bravourös gemeistert hat. Chapeau! Cem möchte ich dabei aber auch nicht vergessen – mit ihm hab ich mich schon früh besprochen. Seit 2011 sind wir im Gespräch. Auch Cem gebührt mein herzlicher Dank.

Länger schon arbeite ich ebenso mit dem MdL Marcus Bocklet aus Hessen zusammen, mit Elkin Deligöz habe ich mich zweimal getroffen.

Und jetzt also liegt hier ein sehr umfangreicher Abschlussbericht des Instituts für Parteienforschung vor. Dieser Bericht sagt mir allerdings – der ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema

beschäftige, – nicht so sehr viel Neues. Ich wusste, dass in Nordrhein-Westfalen einige Grüne bei Parteiveranstaltungen
einen „Pädophilen-Stammtisch“ eingerichtet hatten. Ich wusste von der Nürnberger „Indianerkommune“. Ich wusste, dass das Thema einvernehmlicher Sex mit Kindern und Jugendlichen bei Euch noch lange von bestimmten Parteimitgliedern propagiert wurde. Wenn mich nicht alles täuscht, noch bis in das Jahr 1998 hinein.

(… Ca. 20 Zeilen gestrichen. Zur Verbindung zwischen der
„Humanistischen Union“ und einigen Grünen-Spitzen.)

Nun hat Professor Walter doch auch von teilweise erheblichen Widerständen berichtet, die sich ihm bei der Aufklärungsarbeit entgegen stellten. Mich wundert das nicht.

Dazu passt die aktuelle Nachricht, dass der ehemalige Büroleiter von Tom Königs als Angeschuldigter im Verfahren um den Missbrauch minderjähriger Mädchen die Aussage verweigert hat, nach dem Motto: beweist es mir doch! Im Zweifel steht Aussage gegen Aussage, es handelt sich ja fast immer um eine sog. 1:1-Situation. Solche Täterstrategien sind die Regel, sie sind deshalb allerdings nicht weniger unerträglich, weil sie die Opfer erneut zunächst mal in eine Unglaubwürdigkeitsfalle zwingen sollen…. Siebeneinhalb Jahre Haft lautet das Urteil in erster Instanz.

Großartig im Gegensatz dazu: die öffentliche Erklärung von Marie-Luise Beck zu dem an ihr begangenen Kindesmissbrauch! Solche öffentliche Äußerungen machen vielen Opfern Mut!

Ein Mitglied in unserem Betroffenenbeirat beim EHS schrieb mir: „… Mein Täter zum Beispiel war sehr engagiert, vor allem in der Frauen-, aber auch in der Kinderarbeit. Und viele dieser Frauen konnten daher nicht glauben, dass er, der er doch ein guter, geselliger, und engagierter Mensch war, zu so etwas fähig sein sollte.“

Gut, gesellig und engagiert – das waren die Grünen in den frühen Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts doch auch. Und genau deshalb rate ich grundsätzlich auch hier zur Vorsicht!

Und merke an: die Grünen damals waren durchaus Wegbereiter und Unterstützer höchst fragwürdiger Gesetzesvorschläge, die teilweise tatsächlich durch die Gremien gewunken wurden. … Immerhin haben die Grünen den Pädokriminellen starke ideologische und ideelle Freiräume geschaffen, unter dem Deckmantel von Liberté, Libertinage und Liberalisierung.

Stichwort Liberté:

Ich habe im Namen von Glasbrechen nach manchen Gesprächen mit Dani Cohn Bendit unseren Frieden mit ihm gemacht. Unter der Prämisse: es gilt das Recht der freien Meinungsäußerung – und ein jeder trägt selbst die Verantwortung dafür.

Andere in der Partei, auch heute noch aktive Mitglieder, haben am
Ergebnis von 2012 sicherlich mehr Anteil. Und zwar dadurch, dass sie eher reflexhaft reagiert haben. Wenn überhaupt. Ein früheres Eingeständnis der schweren Mängel in der nun unabweisbaren Gründungsgeschichte der Grünen in Westdeutschland, eine
frühere Einsicht in die Notwendigkeit von Aufklärung und Positionierung hätte Eurer Partei mit Sicherheit keine Stimmen gekostet. Ganz im Gegenteil. Die jungen Grünen waren ja kein Hühnerzüchterverein in Gründung, der sich bloß die Auswilderung von Füchsen auf die Fahnen geschrieben hätte.

Herr Professor Walter hat recht: die Grünen in den frühen achtziger Jahren waren angetreten, offensiv die bundesrepublikanische Wirklichkeit zu verändern. Aus dieser Attitude der Menschheitsrettung heraus bleibt es mir umso unverständlicher, wie die junge Partei nicht früher schon den Päderasten Einhalt gebieten konnte, denn deren Vorhaben erscheint zumindest aus heutiger Sicht als sehr leicht zu durchschauen. Unter dem Stichwort „Kinderrechte stärken“ wollten Päderasten auf ihre Kosten kommen. Ziemlich einfach, ziemlich furchtbar – finde ich.

Damit komme ich zu Opferforderungen an Eure Partei. Was bleibt zu tun, welche Fragen sind noch offen, wo kann eine Oppositionspartei sinnvoll einwirken auf Gesetzgebungsverfahren
der Regierenden?

Am 24. März 2010 sagte Renate Künast laut Spiegel-Online: „Die Kanzlerin will eine kritische Debatte über Missbrauch verhindern.“ (Eine kritische Debatte über die fragwürdige Propaganda in der eigenen Partei hatte Renate Künast dabei wohl noch nicht im Sinn.) – Tatsächlich hat die Schwarz/Gelbe Koalition in vier Jahren nur sehr wenig brauchbares und sinnvolles im Bezug auf Veränderung von Opferschutz und Opferrechten auf den Weg gebracht. Die Einrichtung einer Unabhängigen Stelle für Fragen des Kindesmissbrauchs war eine gute, eine richtige Idee. Die Einrichtung eines Fonds für Entschädigungszahlungen an Opfer – ich nenne diese lieber Anerkennungszahlungen – schien gut zu sein, hat sich allerdings bis heute noch nicht vollständig realisieren lassen.

Wie immer fehlt es also am Geld. Und wo es immer noch am Geld fehlt, fehlt es eigentlich am Bewusstsein. Am Bewusstsein für die Notwendigkeit zu dringend notwendigen Hilfe für die Opfer der Heime in der DDR, die Opfer der Heime in der BRD, die Opfer von familiärem und weiterem institutionellem Missbrauch.
Schaut man sich das gegenwärtig praktizierte Verfahren zur Hilfe von Opfern an, so muss leider festgestellt werden, dass Opfer immer noch leicht diskriminiert werden, als Bittsteller betrachtet, deren Bittstellung zigmal auf ihren Anspruch hin geprüft wird.

Es dauert ca. ein dreiviertel Jahr, bis ein Opfer pädosexuellen Missbrauchs im Rahmen des OEG eine doch eher bescheidene Zahlung zur Fortführung des eigenen Lebens erhält. Wenn überhaupt. Da muss sich dringend etwas tun.

Es bedarf immer noch und dringend weiterhin finanziell und personell gut ausgestatteter Beratungs- und Anlaufstellen für Opfer in Bund und Ländern.

Länder und Kommunen müssen dringend mehr in Anspruch genommen werden.

Es bedarf nach wie vor einer „Unabhängigen Kommission“, deren Mitglieder vom Bundestag gewählt werden, die mit einem gesetzlichen Auftrag und gesetzlichen Befugnissen zur Untersuchung der flächendeckenden pädokriminellen Taten in der BRD ausgestattet wird. Nur so können einer größeren Öffentlichkeit Ausmaß, Dimension, und Folgen des Missbrauchs deutlich gemacht werden.

Als Oppositionspartei im Bund, als Koalitionspartner in vielen
Ländern, als Regierende in BW ergeben sich aus meiner Sicht hier einige Ansatzmöglichkeiten.

Schulen zum Beispiel müssen durch Fortbildung und Präventionsveranstaltungen zu Schutzräumen werden. Schulpolitik ist Ländersache. Das wäre also auch ein Feld für euch.

Das Thema sexueller Kindesmissbrauch muss weiter und breiter in der Öffentlichkeit verankert werden. Kampagnen wie „Trau Dich“ und „Kein Raum für Missbrauch“ sind wichtige Instrumente dafür. Aber auch sie sind lediglich ein Beginn. Auf einem langen Weg.

Das seht Ihr Bündnisgrüne ja inzwischen glücklicherweise auch so. So habe ich sowohl Herrn Prof. Walter wie auch Eure Vorsitzende verstanden. Und jetzt lasse ich zum Schluss noch ein verdientes Mitglied Eurer Partei sprechen:

„Was lernen wir aus alle dem? – Es bedarf immer eines zweiten Blicks, nicht alle Liberalisierungsvorschläge sind per se schon klug, nicht alles ist cool. Bedenken, wenn es um die offensichtliche Einschränkung von Menschenrechten geht, sind notwendig. Der Zeitgeist muss nicht immer gleich zum Vorsitzenden gewählt werden. „

Den vorliegenden Dringlichkeitsantrag unterstütze ich sehr.
Um dessen Annahme bitte ich.

In diesem Sinne. Herzlichen Dank!

 

Hamburg, den 22.11.14

Adrian Koerfer
Vorsitzender Glasbrechen e.V.

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